Die Zahl der tödlichen Badeunfälle bei Kindern steigt, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) spricht von zwei verlorenen Jahrgängen in der Schwimmausbildung während der Corona-Pandemie. Der ASV Einigkeit Süchteln und das Albertus-Magnus-Gymnasium Dülken wollen die Generation Nichtschwimmer deshalb gemeinsam auffangen.

Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen-Süchteln/Dülken – Mindestens 24 Kinder im Alter von 1 bis 15 Jahren sind in den ersten sieben Monaten dieses Jahres ertrunken – sechs mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig steigt die Zahl der Nichtschwimmer, nachdem während der Corona-Pandemie die Schwimmbäder geschlossen wurden und die Schwimmbadschließungen aufgrund der Kostenfaktoren in den Kommunen allgegenwärtig sind.

Bereits seit sechs Jahren kooperieren der ASV Einigkeit Süchteln und das Albertus-Magnus-Gymnasium Dülken nicht nur im Bereich Sport, sondern auch darüber hinaus, nun starten sie ein neues Projekt machen sich für die Generation Nichtschwimmer stark. Zugute kommt den Kooperationspartnern das schuleigene Dülkener Lehrschwimmbad, welches idealerweise über einen bewegbaren Boden verfügt und von außen betretbar ist. „Wir hatten jetzt die Situation, dass eineinhalb Jahre während der Pandemie das Anfängerschwimmen nicht durchgeführt werden konnte. Wir haben jedoch immer eine sehr starke Nachfrage“, so ASV-Vorsitzender Wolfgang Güdden.

Das Anfängerschwimmen bietet der Süchtelner Sportverein für Kinder ab dem 4. Lebensjahr an. „Wir haben bei uns eine Warteliste, ohne gemachte Werbung, die aktuell 130 Kinder umfasst. Normalerweise bieten wir drei Anfängerkurse mit je dreißig Kindern an. Da kann man sich vorstellen wie lange wir brauchen, bei zehn Einheiten, diese Warteliste abzuarbeiten und wie stark die Nachfrage steigt, wenn wir anfangen für die Kurse zu werben.“

Ein weiteres Problem sei, dass dem ASV die Schwimmbäder ausgehen. Der Sportverein hatte ursprünglich auf das Bad des Heilpädagogischen Zentrums Süchteln und den dortigen höhenverstellbaren Boden zurückgegriffen. Nachdem dieses Bad geschlossen wurde, fand der ASV Einigkeit 1860/03/06 Süchteln e.V. „Unterschlupf“ im Lehrbecken der Franziskusschule, welches allerdings grundlegend saniert werden musste und mittlerweile seit einem Jahr nicht mehr nutzbar ist. „Wir sind froh, dass wir jetzt hier beim Albertus-Magnus-Gymnasium unsere Schwimmkurse fortführen können“, ergänzt Güdden. „Zwischenzeitlich boten wir Kurse im Stadtbad an, aber ohne den verstellbaren Boden sind die Bedingungen schlechter. Für Kinder ist es wichtig schwimmen zu lernen und wir beklagen einen großen Stau im Bereich Schwimmunterricht.“ Aufgrund dieser Problematik hat sich der ASV entschlossen die Kurse zu verdoppeln und startete am vergangenen Freitag und Samstag mit insgesamt sechs Anfängerkursen, sodass sechzig Kinder zeitgleich das Schwimmen lernen können.

„Schwimmen ist anders als Fußball“, erklärt Wolfgang Güdden. „Beim Fußball verzeichnen wir in jungen Jahren große Zuwachsraten, die ab 30 Jahren wegbrechen. Die Sportart Schwimmen kann dagegen auf gleichbleibende Teilnehmerzahlen verweisen. Von daher sind wir froh und dankbar am AMG, unserem Kooperationspartner, diese Schwimmkurse anbieten zu können.“ Finanziert wird das Projekt durch die Bürgerstiftung St. Irmgardis Süchteln, die bereits eine Zusage für drei Jahre getätigt hat. Hierdurch wird es für den ASV möglich, in der Zeit, in der die Dülkener Schule ihr Schwimmbad betreibt, genauer gesagt von Oktober bis Ostern, jährlich 120 Kindern das Schwimmen beizubringen.

„Unser Gymnasium hat als Alleinstellungsmerkmal dieses Schwimmbad“, so AMG-Schulleiterin Ursula Deggerich. „Wir bieten von der 5. Klasse bis zur 9. Klasse, demnächst bis zur 10. Klasse, in jeder Jahrgangsstufe Schwimmen an, sodass unsere Schülerinnen und Schüler mit Schwimmunterricht gut versorgt sind.“ Außergewöhnlich sei ebenfalls, dass den Schülern die Absolvierung des Rettungsschwimmers an der Schule angeboten wird. Darüber hinaus bietet das AMG in Kooperation mit dem ASV Tauchkurse an, die auch in den Freigewässern der Region gemeinsam mit dem Sport- und Erdkundelehrer Alexander Wojatzki durchgeführt werden. „Wir waren beispielsweise in der vergangenen Woche am Neusser Sandhofsee gemeinsam mit dem ASV-Süchteln“, berichtet Alexander Wojatzki. Ebenfalls eine Studienfahrt nach Spanien hat die Schule bereits angeboten.

„Was uns aber besonders am Herzen liegt, und das hat uns die Corona-Situation nochmals verstärkt gezeigt, ist die Problematik, dass Schüler, die in der 5. Klasse zu uns kommen, noch nicht schwimmen können“, erklärt Schulleiterin Ursula Deggerich. Dies habe unter anderem damit zu tun, dass viele Schwimmbäder geschlossen werden. Deshalb sei es dem Albertus-Magnus-Gymnasium gemeinsam mit dem ASV ein Anliegen, den Kindern, die nicht schwimmen können, eine Möglichkeit anbieten zu können das Schwimmen zu erlernen. 644 Badeunfälle weist die aktuelle Statistik auf, nicht wenige davon tödlich. In den Schwimmkursen lernen die Kinder deshalb auch vorsichtig zu sein und nicht einfach beispielsweise in den Rhein zu springen. Eine Situation, in der sich selbst professionelle Schwimmer in Lebensgefahr bringen.

Das Angebot steht allen Kindern aus der Region offen. Fünf Kurse werden für jüngere Kinder ab 5 Jahre angeboten, ein weiterer Kurs umfasst die Altersstufe um 10 Jahre. „Wir haben den Boden des Schwimmbads am vergangenen Wochenende auf 60 cm angehoben“, erklärt ASV-Geschäftsführer Björn Siegers. „In dieser Tiefe können die Fünfjährigen hervorragend stehen, wodurch den Kindern der Angstfaktor genommen wird.“ Überhaupt sei das Anfängerschwimmen für den ASV wichtig, schließlich sei dies so etwas wie eine Nachwuchsschmiede, denn durch das Schwimmen würden die Kinder an den Sport herangeführt. Wenn die Kinder die zehn Einheiten absolviert haben, sind sie in der Lage das Seepferdchen zu machen, dann allerdings im Dülkener Schwimmbad Ransberg. „Es fehlt in dieser Stadt ein städtisches Schwimmbad mit höhenverstellbarem Boden“, so Wolfgang Güdden. „Das muss gar nicht groß sein, würde aber für das Anfängerschwimmen und auch die Wassergymnastik bei Älteren reichen.“ Selbstverständlich setze der ASV qualifizierte Übungsleiter ein, welche alle über die Rettungslizenz verfügen, darunter zum Teil sogar ehemalige Schülerinnen des Dülkener Gymnasiums.

„Es ist uns als Schule eben auch ein wichtiges Anliegen in jedem Jahr Schwimmen anbieten zu können“, sagt Alexander Wojatzki. Ein vielfältiges Angebot, welches nicht nur den Rettungsschwimmer umfasst, sondern ganz unterschiedliche Trainingsmethoden, die den Schülerinnen und Schülern zugutekommen. „Hierbei ist auch der psychologische Blickwinkel zu betrachten“, ergänzt Björn Siegers. „Wenn ein Kind nicht schwimmen lernt, und mit 10 oder 11 Jahren geht es in den Center Park, dann kann der kleine Max nicht mit, weil er nicht schwimmen kann oder sich dafür schämt. Schwimmen unterstützt auch das Selbstbewusstsein.“

Obwohl die Warteliste beim ASV lang ist, lohnt sich für alle Schwimmlerninteressierten die Nachfrage, denn es werden immer wieder Plätze frei und das Angebot bietet durch die Verdoppelung der Kurse weitere Möglichkeiten. Die Kooperationspartner erwarten den Rückstau noch in diesem Jahr auflösen zu können. Für Interessierte steht die Mailadresse schwimmausbildung@asv.com zur Verfügung, Anfragen können ebenfalls über die Telefonnummer der Geschäftsstelle 02162 979731 gestellt werden. Gekoppelt ist das Angebot an ASV-Mitglieder mit einer geringen Kursgebühr, damit können auch andere Kurse wahrgenommen werden. (nb)

Quelle (Text/Foto): Rheinischer Spiegel (1.10.2021)