Wenn Stephan Hähnel, Krimiautor und Verfasser mehrerer Kinderbücher, die Fünftklässler des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Dülken fragt, vor welchen Orten sie sich gruseln, schnellen die Finger schnell nach oben. Denn eines ist klar: Ob dunkler Keller, ein verfallenes Haus oder ein unheimlicher Friedhof, es gibt zahlreiche Orte, die mysteriös und unheimlich sind.

Viersen-Dülken – Dass dies aber auch große Freude machen kann, durften die Schüler eine Woche lang in einem Workshop zum Thema „Gruselgeschichten“ erfahren. Jeden Tag nahm sich Hähnel Zeit für eine Klasse, um ihr die Kniffe und Tricks eines Schriftstellers zu zeigen und sie in ihrer Kreativität zu unterstützen. Seit vielen Jahren kommt der Berliner Hähnel im Herbst ans AMG und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Herr Hähnel, Sie gelten als Meister des schwarzen Humors, sind Begründer des Berliner Krimimarathon und Verfasser von Kriminalromanen. Seit vielen Jahren bieten Sie am Albertus-Magnus-Gymnasium in Dülken jeweils im Herbst die „Literarischen Vormittage“ für die Klassen der Jahrgangsstufe 5 an. Wie kam es dazu?

2011 fand das Krimifestival ‚Die Criminale‘ in Mönchengladbach statt. Als Gast hatte ich die Gelegenheit, u.a. in der Bibliothek in Waldniel aus meinem Buch „Gießt du meine Pflanzen, entsorge ich deine Frau“ zu lesen. Die Humorlage am Niederrhein und in Berlin scheint, was skurril Schwarzhumoriges angeht, ähnlich stark ausgeprägt zu sein. Es war quasi der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, denn seitdem werde ich regelmäßig im November eingeladen, beziehungsdramatische Geschichten in und um Viersen herum zum Besten zu geben. Thomas Gisbertz, ein engagierter Lehrer des AMG, der von mir wusste, dass ich nicht nur unliebsame Nachbarn und überdrüssige Ehepartner auf eine nette Art um die Ecke zu bringen beliebe rein literarisch natürlich, sondern auch Kinderbücher schreibe und Workshops anbiete, sprach mich an. Die Idee Literarischer Vormittage am AMG anzubieten, war geboren.

Erläutern Sie uns doch bitte einmal kurz, wie ein solcher „Literarischer Vormittag“ aussieht und warum es dabei geht.

Das Projekt verfolgt die Idee, einen Vormittag lang den Schülern einer Klasse die Möglichkeit zu geben, einen Schriftsteller und seine Arbeit kennenzulernen. Ich lese ausgewählte Geschichten und erarbeite mit den Schülern gemeinsam die Struktur und den Aufbau einer altersgerechten Geschichte am Beispiel des Grusel- oder Krimi-Genres.
Im zweiten Teil des Vormittags werden eigene Schreibideen zu Papier gebracht. Ich unterstütze und verrate ein paar Tricks, wie man spannende und verständliche Texte mit Gänsehautgarantie schreibt.
Am Ende des Vormittags werden alle geschriebenen Geschichten durch den jeweiligen Schüler vorgestellt und von mir analysiert. Besonders die Stärken, aber auch vermeidbare Schwächen sowie Anregungen, das Geschriebene weiterzuentwickeln, stehen dabei im Mittelpunkt. Macht nicht nur den Schülern, sondern auch mir Spaß.

Warum haben Sie sich für den Themenschwerpunkt „Gruselgeschichten“ im Rahmen des Lesevormittags entscheiden?

Gruselgeschichten eignen sich besonders gut, da sie eine klare Struktur haben, mit eindeutigen Charakteren agieren, die Fantasie fordern und jeden Einzelnen veranlassen, sich mit grundlegenden Gefühlen auseinanderzusetzen.
Feste Regeln, die das Genre Gruselgeschichte definieren, werden vorab mit den Schülern festgelegt. Unterstützende Arbeitsblätter stehen zur Verfügung und helfen mit klaren Arbeitsschritten, Formulierungshilfen und typischen Bausteinen, einen Text erfolgreich zu beenden.
Abgesehen davon ist die dunkle Novemberzeit prädestiniert dafür sich zu gruseln und das fröhlich schaurige Halloween ist für Kinder inzwischen ein fester Bestandteil der Kultur geworden.

Wie wird der „Literarische Vormittag“ von den Schülern angenommen? Kann man sie noch für das Schreiben begeistern?

Definitiv ja! Literarische Vormittage biete ich seit fünfzehn Jahren an. Vieles mag sich geändert haben, aber die Lust am Fabulieren, sich selbst Geschichten auszudenken, eigene Helden zu erfinden oder selbst in eine Geschichte zu schlüpfen und Abenteuer zu erleben, hat an Faszination nicht verloren. Eigene Ideen aufs Papier zu bringen, sie zu entwickeln, besser zu werden und Anerkennung von den Mitschülern und auch von mir als Autor zu bekommen ist, ist eine hohe Motivation. Nicht nur passiv zu konsumieren, sondern aktiv zu gestalten, ist eine Erfahrung, die nicht nur kleine Meisterwerke ermöglicht, sondern zuweilen auch für den einen oder anderen Schüler eine Tür öffnet.

Gibt es Unterschiede, wenn man die Schüler des AMG mit denen aus Ihrer Berliner Heimat vergleicht?

Grundsätzlich ist jede Schule, selbst jede Klasse einmalig. Wichtig ist, dass die Schule und engagierte Lehrer das Projekt unterstützen. Die Möglichkeit sich auszudrücken, hängt von vielen Faktoren ab, persönlichen wie auch sozialen und ist dementsprechend unterschiedlich. Die Ergebnisse natürlich auch. Allen Schülern gemeinsam ist aber die Lust am Schreiben. Es freut mich zu sehen, dass die Dülkener Schule darüber hinaus zusätzlich Schreibkurse und Arbeitsgemeinschaften zum Thema „Junge Autoren“ anbietet und somit die Schüler in ihrer Kreativität über den Unterricht hinaus fördert. Das ist sicherlich nicht selbstverständlich. Acht Jahre Literarische Vormittage am AMG sind eine Erfolgsgeschichte, und ich freue mich jetzt schon auf das kommende Jahr. (opm)

Quelle: Rheinischer Spiegel (22.11.21)

 

Hier finden Sie eine Auswahl der Gruselgeschichten der Klasse 5b: 

Gruselgeschichten der Klasse 5b (Auswahl)