Die Anfänge des AMG

 

Erinnerungen zum 25. GeburtstagJ.Kiwitz
Unter dem Motto „Heute vor 25 Jahren…“ wird in diesen Tagen vieles hervorgeholt, was längst vergangen und vergessen schien. Manches wird dabei aus der Sicht des Bewährten vergoldet, anderes aus Unwissenheit unterbewertet. Unser Rückblick soll weder eine Verklärung der Vergangenheit noch eine Verherrlichung des Bestehenden sein. Er soll uns ermutigen, das Erreichte an der ursprünglichen Zielsetzung neu zu vermessen. Heute vor 25 Jahren, keine Zeit, die im pädagogischen Bereich Jahrhundertereignisse bot. Es gab zwar noch keine „BASS” (Bereinigte Amtliche Sammlung der Schulvorschriften), die Normierung des Schulalltags war deshalb jedoch nicht weniger perfekt als heute. Das dreigliedrige Schulsystem war in NRW unangetastet, die Gesamtschule in unserem Land noch nicht erfunden. Von den zu allen Zeiten wuchernden Reformvorschlägen schien keiner eine realistische Chance zu haben, das bewährte Schulsystem zu verändern.
lm Lande Hessen erprobte man jedoch schon seit einigen Jahren eine Schulform, die berufstätige Eltern entlasten sollte durch Anpassung der Unterrichts- an die Arbeitszeit, Ausgabe von Mittagessen und Erledigung der Hausaufgaben in der Schule. ln den Jahren l965/66 hatte nun auch das Land Nordrhein-Westfalen den Plan gefaßt, eine Schulform dieser Art zur Erprobung freizugeben. Unser Bischof Johannes Pohlschneider, damals Schulbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, sah in dieser Erweiterung schulischer Zielsetzung über die reine Wissensvermittlung hinaus eine echte Chance für den christlichen Erziehungsauftrag. Nicht bei allen Schulträgern fand dieser Plan des Kultusministeriums, der anfänglich nur Insidern bekannt war, den Anklang, den wir aus heutiger Sicht erwarten dürften.
Was für unseren Bischof eine pädagogische Chance war, hielten andere für eine Gefahr totaler Verschulung. Berechtigte Fragen, ob z. B. Kinder den Nachmittagsunterricht verkraften, oder wie sich unter Berücksichtigung des individuell unterschiedlichen Arbeitstempos Hausaufgaben erfolgreich in den Unterricht integrieren lassen, konnte damals aus eigener Erfahrung noch keiner sicher beantworten.
Von daher ist es verständlich, daß zunächst nur drei private und ein städtischer Schulträger (drei Gymnasien und eine Realschule) an dem Projekt Tagesheimschule teilnahmen. Später erhielten noch zwei weitere Gymnasien und eine Grund- und Hauptschule die ministerielle Genehmigung zum Einstieg in den bereits laufenden Schulversuch.

lm Februar 1966 wurde ich telefonisch „in einer wichtigen Angelegenheit” zum Generalvikariat gerufen. Völlig überraschend offenbarten mir Generalvikar Müssener und sein damaliger Personalreferent Wäckers den Plan des Bischofs, ein zweites Gymnasium in Bistumsträgerschaft als Tagesheimschule zu eröffnen, für dessen Aufbau und Leitung man mich ausersehen hätte. Das neue Gymnasium war geplant als Angebotsschule für den ländlichen Teil des damaligen Kreises Kempen-Krefeld, deren Einzugsbereich durch ein zugeordnetes Internat erweitert werden sollte. Obgleich ich seit neun Jahren hauptamtlich am Gymnasium in Eschweiler unterrichtete, hatte ich den Begriff Tagesheimschule noch nie gehört, geschweige denn etwas über deren Zielsetzung erfahren. Daher konnte ich dieses Angebot zunächst nicht abschätzen. Als positives Omen deutete ich, daß die neue Schule den Namen des hl. Albert tragen sollte. Ich hätte mir kein markanteres Vorbild für Lehrer und Schüler einer fortschrittlichen christlichen Schule wünschen können als Albertus Magnus, der in seiner Lehre theologische Weite mit wissenschaftlichem Fortschritt und in seinem Leben Autorität mit persönlicher Bescheidenheit vereinte. Die Besichtigung des „Schulgeländes” in Dülken war dagegen weniger ermutigend. Die heutige Brandenburger Straße endete nach dem zweiten Hochhaus als Sackgasse im Feld, und dort, wo wir in eineinhalb Jahren in einem neuen Gebäude unseren Schulbetrieb aufnehmen sollten, wuchs Unkraut auf dem nicht mehr bebauten Acker.

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Nach eingesehener Information über die geplante Schulform und Kontaktaufnahme zu den Leitern der beiden anderen Gymnasien, die bereits mit konkreteren Vorbereitungen begonnen hatten, erklärte ich meine Bereitschaft zur Übernahme dieser herausfordernden neuen Aufgabe. Mit einem Schreiben vom 20. Juli 1966 gab mir der Bischof dann den Auftrag, mich mit den anstehenden pädagogischen und organisatorischen Problemen zu befassen, geeignete Lehrkräfte zu suchen und an den Beratungen für die baulichen Lösungen teilzunehmen. Eine Schulabteilung für Bischöfliche Schulen gab es damals noch nicht.
Die Zusammenarbeit des Planungsteams, das aus den designierten Leitern der künftigen Tagesheimschulen bestand, war menschlich und fachlich vorbildlich. Obgleich wir unsere Erfahrungen an unterschiedlichen Schulen gesammelt hatten, verband uns alle dasselbe Ziel, dieses einmalige Angebot für Lehrer und Schüler voll auszuschöpfen. Verständlicherweise gab es anfangs noch keine einheitliche Vorstellung von Ganztagsschule. Allein die in ihrer Sozialstruktur sehr unterschiedlichen Einzugsgebiete des geplanten Albertus-Magnus-Gymnasiums und der anderen in industriellen Ballungsgebieten liegenden Schulen (Duisburg, Essen-Stoppenberg und Herten) forderten je eigene pädagogische und organisatorische Überlegungen. Wir waren uns jedoch einig, daß nicht im Sinne Hessens die Entlastung der Eltern Primärziel unserer Planungen sein sollte, daß vielmehr nur eine Schule, die vorrangig den Kindern mehr Lebensraum im Schulalltag gewährt, Sozialverhalten fördert und Chancengleichheit für möglichst alle sozialen Gruppen erhöht, eine Schulzeitverlängerung mit den entsprechenden Belastungen und Mehrkosten rechtfertigt. Auf der Basis dieser Grundkonzeption war eine Tagesheimschule im ländlichen Bereich ebenso sinnvoll wie im Industriegebiet. Mehrere Weiterbildungsveranstaltungen und eine Fortbildungswoche für Tagesheimschullehrer in Frankfurt mit Besichtigungsmöglichkeit bereits erprobter Ganztagsschulen in Hessen halfen uns, realitätsbezogen zu planen, und bestärkten uns, das hessische Modell nicht unbesehen zu kopieren. Das Schulkollegium in Düsseldorf ließ uns bei unseren Planungen völlig freie Hand. Daß keine unserer Vorstellungen und Konzeptionen zurückgewiesen oder einschneidend korrigiert wurde, ist ein Beweis für das Wohlwollen, das dem Tagesheimschulprojekt vom Kultusministerium entgegengebracht wurde.
Am 7. März konnte das Konzept des Albertus-Magnus-Gymnasiums durch unseren Generalvikar dem Schulkollegium in Düsseldorf vorgelegt werden. Als rein altsprachliches Jungengymnasium sollte es in der Unter- und Mittelstufe zweizügig, in der Oberstufe voraussichtlich einzügig geführt werden. Eine Prognose für die Schulentwicklung ging damals von ca. 500 Schülern in Kl. 5 – 13 aus, von denen etwa 120 im Internat wohnen sollten. Auch Fachleute können sich irren! Während alle Versuchsschulen in den wesentlichen Punkten ihres pädago-gischen Konzeptes übereinstimmten und alle die Integrationder Übungen in den Eachunterricht einer Hausaufgabenbetreuung vorzogen, sollte das AMG im Unterschied zu den anderen mit Rücksicht aufdas Internat den Samstagsunterricht beibehalten. Die vorläufige Genehmigung des AMG-Konzeptes wurde vom Kultusministerium am 3. März 1967 erteilt. Während über die Schulen der Versuchsphase hinaus die Tagesheimform in NRW nicht weiter auf das dreigliedrige Schulsystem übertragen wurde, waren die später eingerichteten Gesamtschulen die alleinigen, wahrscheinlich vorgesehenen Nutznießer des Schulversuchs. Bei Besuchen von Gesamtschulen haben wir jedoch leider von den Ideen der ersten Generation wenig wiedererkennen können.
Um den Unterricht möglichst von Baulärm freizuhalten, entschied sich unser Architekt nach Abwägung aller Vor- und Nachteile, statt der anfänglich geplanten Schulbaracken den Lehrerwohnungstrakt an der Brandenburger Straße als ersten Bauaubschnitt zu erstellen. Bei entsprechender Herrichtung sollte er zunächst provisorisch Schule und Internat aufnehmen, bis beide Einrichtungen nach und nach in ihre endgültigen Gebäude überwechseln konnten. Das Richtfest für dieses Provisorium fand am l7. März 1967 statt.

Bei heutiger Lehrerarbeitslosigkeit ist es kaum zu verstehen, daß die Anwerbung geeigneter Lehrer das größte Problem in der Vorbereitungsphase darstellte. Wegen des steigenden Andrangs der Schüler zu den Gymnasien war der Lehrerbedarf so angestiegen, daß voller Unterricht nur noch durch Einsatz von Hilfskräften sichergestellt werden konnte. Es ist verständlich, daß von dieser bedrohlichen Situation ein Schulexperiment besonders stark betroffen war, das 30% mehr Lehrer benötigte und überdies seine Bewährungsprobe noch nicht bestanden hatte. Nach langem Suchen und zahlreichen Vorsprachen konnten wir Düsseldorf endlich unser erstes Kollegium präsentieren, das aus drei hauptamtlichen Lehrern und drei nebenberuflichen Lehrkräften aus dem Internat bestand, die uns dankenswerterweise mit einigen Wochenstunden aushalfen. Zu diesen Lehrern der ersten Stunde gehörten Herr Hollender, Herr Müller, der krankheitshalber nach einem halben Jahr von Herrn Jansen abgelöst wurde, Herr Ortsiefer, der zunächst vorrangig im Internat beschäftigt war, Herr Reuter, der das Studienheim leitete, und Frau Bongartz, eine ebenfalls im Internat tätige Lehrerin und Erzieherin.
img20160304_17054951Am 7. September 1967 begann der Unterricht mit zwei Klassen und insgesamt 70 Schülern, von denen 20 das Internat besuchten. Wer heute 28 Schüler pro Klasse schon für untragbar hält, den möchte ich daran erinnern, daß vor 25 Jahren die erlaubte Höchstfrequenz 40 Schüler betrug! Als Ausgleich für die größere Enge in den Klassen bot die ausgedehnte Baustelle während der ersten Jahre Freizeitmöglichkeiten, von denen heutige Sextaner nur träumen können. Die Einweihungsfeier mit Bischof Dr. Pohlschneider, Regierungsdirektor Dr. Haverkamp, Oberschulrat Dr. Walter und vielen weiteren Gästen aus Kirche, Politik und Verwaltung fand statt am 15. November 1967, dem ersten Patronatsfest unserer Schule.

Leider war das erste Konzept des AMG bezüglich Aufnahme und Wahlmöglichkeit stark eingeengt durch Auflagen des Schulträgers, die jedoch in den nächsten Jahren nach und nach abgebaut werden konnten. So erwies sich bald der obligatorische Samstagsunterricht pädagogisch als so wenig sinnvoll, daß er bereits nach einem Jahr aufgegeben und für Nachholarbeiten und Förderstunden bedürftiger Schüler genutzt wurde. Das rein altsprachliche Gymnasium konnte zum Schuljahr l97l/72 mit Zustimmung des Bischofs um einen naturwissenschaftlichen Zweig erweitert werden. Zur selben Zeit
wurde wegen der rapide steigenden Schülerzahlen die Dreizügigkeit genehmigt. Da inzwischen die klassischen Gymnasialformen abgeschafft worden waren, gab der Schulträger ab 1979 die Wahl zwischen Englisch oder Latein als Anfangssprache frei. Mit der Aufnahme von Mädchen wurde zum Schuljahr 1982/83 endlich der Wunsch vieler Eltern und Lehrer erfüllt, die eine Koedukation im Hinblick auf die Zielsetzung einer Tagesheimschule für förderlicher und zeitgemäßer hielten.

Die Entstehungsgeschichte einer „normalen” Schule wäre sicher mit diesen Daten erschöpft. Um unsere Zielvorstellungen adäquat umzusetzen, waren jedoch noch viele kleinere Schritte und Korrekturen notwendig. Wir waren als Tagesheimschule angetreten, unseren Schülern mehr Lebensraum im Schulalltag zu bieten, soziales Verhalten und Kooperation zu fördern und ein menschlicheres Lehrer-Schüler-Verhältnis anzustreben. Diese nicht normierbaren Ziele werden solange Änderungen und Anpassungen erfordern, wie junge Menschen sich ändern und einer sich wandelnden Gesellschaft anpassen. Die Tagesheimschule hat zwar längst ihre Bewährungsprobe bestanden. Sie wird jedoch nie eine fertige Schule werden dürfen.

Josef Kiwitz, Schulleiter von 1967-1990

 

Anmerkung: Der Text ist entnommen aus der Festschrift 25 Jahre Albertus-Magnus-Gymnasium, 1992, S.21-26