Ein Schüler erinnert sich…

Erinnerung

Am Anfang dies: ich erinnere mich, dass ich mir immer sicher war, mich zu erinnern: nicht an die Schulzeit einfach, romantisch an das AMG allgemein oder kritisch, ungern, ironisch, froh an einzelne Gesichter. Eher so: dass da etwas war, dass etwas bleiben würde, dass es etwas zu erinnern gab, dass ich mich unwillkürlich, immer wieder, je neu erinnern würde über den spielerischen Rückgriff hinaus. Als ich Abitur machte, ging ich nicht wirklich – und das hat für mich seinen biografischen Ernst.

 

 

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Der Abschied von der Schule war überfällig, aber genauso wie es mich wegzog, ins Studium, ging ich auch unvorbereitet an die Universität. Die Intimität der Schule und die Möglichkeiten von Begegnung und Auseinandersetzung, das Wissen darum, dass mich die Lehrer, die Schüler der anderen Klassen und Stufen zumindest vom Sehen größtenteils kannten, dass der Direktor den Namen erinnerte – diese besondere Atmosphäre machte mir den Wechsel schwer. Ein langes Semester fehlte mir dieser Name und mit ihm die Art von Gespräch, wie ich sie selbstverständlich kannte. Und erst in Dülken gelernt hatte: es gab an dieser Schule ein intellektuelles Spektrum, das Diskussion ermöglichte und verlangte, es gab den persönlichen Spielraum und etwas wie einen offenen und kritischen „Geist“, der sich dem disziplinierten Stumpfsinn widersetzte. Manches war im guten Sinn anarchisch, nicht zuletzt der Partykeller. Anarchisch war es bei manchen Lehrern – und es waren mir die wichtigsten. Nicht weil weniger gearbeitet worden wäre, weniger gelernt, sondern weil hier mehr verstanden wurde.

Die Aula steht für diese Erinnerung: weil sie ein offener Raum war, Zentrum, nicht nur in den Regenpausen, man konnte hier Messe feiern und Karneval, Theater spielen und in den Mittagspausen bleiben. Die Aula steht für das AMG, ist sein Charakter, macht seinen Charme aus und architektonisch, gleichsam symbolisch, auch das, was ich in dieser Schule und von ihr gelernt haben möchte: Offenheit.

In der Aula begann meine AMG-Zeit, 1974, und neun Jahre später gab es hier das letzte Zeugnis. Was behaglich in der Erinnerung klingen könnte, habe ich für mich zeitweise erlitten. Auch das ist für mich AMG, indes besonders und mehr noch, wo und weil es mich in meinen Krisen nicht alleine ließ. Das ist meine Erfahrung, die sich von der anderer unterscheidet, gewiss, aber eben sie trägt noch in der Erinnerung, und ich halte sie für charakteristisch, wenn ich, nicht pathetisch, an jenen „Geist“ der Schule denke.

Längst sind es Gesichter, die sich mit dem Getriebenen verbinden, und für jeden andere. Das Gesicht des Chefs gehört dazu. Die Erinnerung an einen Respekt, der wie selbstverständlich da war und nicht aufgebracht werden musste, die Erinnerung daran, ernstgenommen worden zu sein. Ich erinnere in eigener Weise Josef Kiwitz (Schulleiter von 1967-1990), wenn er predigte: „Zivilcourage“ war ein Wort. Ein anderes, eher zwischen den Zeilen: „Kritik“. Kritisch zu denken, scheint mir heute die wesentliche Form zu sein (und nicht einfach beliebige Inhalte), die einem das AMG vermitteln wollte. Selbstständig zu denken. Den Katholizismus der Schule habe ich so erlebt, unaufdringlich, diskursiv, pluralistisch. (Und mich: überzeugend.) Von diesem Geist, von dieser Haltung habe ich lernen wollen, und meine Erinnerung ist, von daher vielen Lehrern in irgendeiner Weise Dank zu wissen. Nicht wenigen einen besonderern.

Eine Erinnerung ist mir die nachhaltigste, ihrem Gehalt nach die liebste, wichtigste auch. Es geht um einen Herbstabend 1978, als eine Schule auf der Straße ist, um für ihren Direktor zu protestieren. Ich erinnere aufgebrachtes Schweigen und einen ernsten Widerstand und konkrete Solidarität – erinnere das, wovon ich wusste, dass ich mich daran immer erinnern würde, als ich von der Schule ging. Weil ich damit lebe.

Gregor Maria Hoff
Abiturient 1983

 

Anmerkung: Gregor Maria Hoff ist seit 2002 Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Universität Salzburg und seit 2014 päpstlicher Konsultor in der Kommission für religiöse Beziehungen zum Judentum.

Der Text ist entnommen aus der Festschrift 25 Jahre Albertus-Magnus-Gymnasium, 1992, S.19f.