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Für die nächste Generation – KiZ berichtet über Israelaustausch

Albertus-Magnus-Gymnasium und die Dror-Schule sorgen für deutsch-israelische Freundschaften

Sie sind beide 16 Jahre alt und stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Schullaufbahn. Die Orte zählen rund 20000 Einwohner und die Entfernung zur nächstgrößeren Metropole beträgt weniger als 40 Kilometer.

Ido Becker und Aenne Baer machen mit beim deutsch-israelischen Austausch des Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasiums (AMG) in Viersen-Dülken und der Dror School in Lev Hasharon nahe Tel Aviv. Was trennt, was verbindet sie?

Die Entfernung voneinander beträgt über 4000 Kilometer – oder nur einen Fingerstreich auf dem Mobiltelefon. Das Internet und die sozialen Medien machen es möglich. Ido und Aenne, die stellvertretend für ihre Klassenkameraden Rede und Antwort standen, beschreiben, wie verbunden sie einander sind. „Wir haben eine Whatsapp-Gruppe“, erzählt die Viersenerin. „Wir teilen unsere Abenteuer, alles, was interessant und lustig ist“, ergänzt Ido. „Auch ganz alltägliche Erlebnisse. Wir sind normale Jugendliche und reden über ganz normale Dinge. Natürlich kann man in Israel andere Dinge erleben, und durch die sozialen Netzwerke können wir Leben der anderen teilnehmen und umgekehrt.“ Amüsiert erzählt Aenne über die Unpünktlichkeit der Israelis, die sie in den Gastfamilien beim Besuch in Lev Hasharon erleben konnte. „Es ist oft passiert, dass sie den Bus verpassten oder die Eltern sie zur Schule bringen mussten. Sie sind so entspannt und gechillt.“ Schulterzucken und Grinsen von Ido.

Also ganz normal: deutsch-israelische Beziehungen 2018? So einfach ist es dann doch nicht. Es geht auch um „die Geschichte“, die beide Nationen verbindet. Die Nazi-Verbrecher und Verfolgung der Juden sind Thema, und hier wird bewusst vor Ort eine Konfrontation herbeigeführt. Das kann zuweilen heftige Gefühle auslösen, wie die 16-Jährigen bestätigen. Zwar haben sich die Schülerinnen und Schüler im Unterricht vorbereitet, stellen aber in der Begegnung fest, dass persönliche Gespräche und Erlebnisse nicht zu ersetzen sind. „Ich glaube, die Gefühle sind sehr unterschiedlich, weil – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll –, aber wir das verletzte Volk sind. Meine Familie ist verletzt“, sagt Ido nachdenklich. Im vergangenen Herbst besuchten die AMGler die Partnerschule im Nahen Osten. Nach dem Besuch in Yad Vashem, so Aenne, waren sie und ihre Mitschüler sprachlos. „Man muss dort gewesen sein, um es selbst zu fühlen. Wer wollte, konnte über seine Gefühle sprechen und Geschichten der eigenen Familie erzählen – auch wenn sie direkt mit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten.“

Beim jüngsten Gegenbesuch wurden beim Rundgang durch Dülken nicht nur die „Stolpersteine“ gezeigt, sondern auch das Gestapo-Gefängnis in Köln besucht. Eine unvermutete Begegnung mit der eigenen Vergangenheit erlebte Ido. Als er ein Stück Text aus den Akten von Ausstellungsstücken für sich übersetzen wollte, stieß er auf Namen aus seiner Verwandtschaft. „Das war hart. Das Emotionalste war der Hinterhof des Gefängnisses. Der Museumsführer erzählte uns, dass dort über 400 Menschen umgebracht wurden. Das ist unglaublich.“ Die letzte Frage geht an den AMG-Schulleiter, Thomas Kamphausen. Warum ist der Austausch so wichtig? „Es gibt drei Hauptgründe für diesen Austausch. Erstens, um eine persönliche Beziehung aufzubauen zu jungen Menschen aus einer anderen kulturellen Umgebung, um über andere Kulturen etwas zu lernen und um in Respekt und Toleranz miteinander zu wachsen. Das ist der Hauptgrund. Das zweite ist: Israel ist ein sehr interessantes und modernes Land, und das Dritte ist: Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die über die Shoa aus ihrer eigenen Erfahrung berichten können. Es ist die Generation meiner Großeltern, die bereits gestorben sind. Darum brauchen wir eine andere Art der Erinnerung. Es ist wichtig, die Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben.“

[D. Schenk]

Quelle: Bericht der Kirchenzeitung im Bistum Aachen vom 6. Mai 2018 (73. Jahrgang, Nr.18)