Neue Perspektiven

Foto: Samuel

Altfrid Spinrath bringt sich auf vielen Ebenen in der Flüchtlingshilfe ein

Viele Menschen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe in der Region Kempen-Viersen. Einer, der sich in der ersten Reihe stark für die Bedürfnisse von Flüchtlingen macht und praktische Hilfe organisiert, ist Altfrid Spinrath.

Zum internationalen Tag der Flüchtlinge erzählte der hauptberufliche Gymnasiallehrer der KirchenZeitung von seinen Erfahrungen, aktuellen Entwicklungen und neuen Plänen.

 

In welchen Gremien sind Sie aktiv?

Vor allem im Diözesanrat der Katholiken als stellvertretender Vorsitzender. Bis 2015 war ich auch 20 Jahre Vorsitzender des Katholikenrates Kempen-Viersen und habe im Vorstand noch die Aufgabe, mich um die Belange der Migranten und Flüchtlinge zu kümmern. Ich bin aber jetzt vor allem als Lehrer beauftragt, weil in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Schule (Albertus-Magnus-Gymnasium Anm. d. Red.) das Bistum Aachen ein Haus an die Stadt Viersen vermietet hat, in dem Flüchtlinge untergebracht sind.

 

Sie arbeiten viel mit Jugendlichen. Warum ist es so wichtig, bei den jungen Menschen anzusetzen?

Weil Resentiments bei den Jugendlichen gegenüber Ausländern und Migranten spürbar sind. Wenn die Jugendlichen erleben, dass es ganz normale Menschen sind, die genauso Gefühle haben und dieselben Fragen an das Leben, dann ist das die beste Prävention gegen Feindseligkeiten.

 

Können Sie spüren, dass sich innerhalb des letzten Jahres etwas verändert hat?

Es hat sich viel verändert. Die Menschen, die alle 14 Tage zu uns zum Flüchtlingscafé gekommen sind – vor allem Familien und viele kleine Kinder –, die sind ganz vertraut geworden. Unsere Jugendlichen haben mit ihnen auch privat etwas unternommen oder kleine Hilfestellungen organisiert, und wir konnten sogar für die eine oder andere Familie eine Wohnung organisieren. Das lief gut über das Flüchtlingscafé. Der Bedarf hat sich jetzt verändert. Wir orientieren uns im Augenblick um. Wir bauen mit der Pfarre St. Cornelius Dülken gerade einen Flüchtlingstreff auf, vor allem für Jugendliche. In Dülken gibt es viele jüngere Männer, die am Berufskolleg zur Schule gehen, und es gibt relativ viele Schüler an weiterführenden Schulen; die brauchen jetzt Kontakt zu deutschen Jugendlichen, damit sie auch in ihrer Freizeit sprechen und Unterhaltung haben.

 

Wie soll das konkret geschehen?

Die Jugendlichen sollen gemeinsam spielen, Filme gucken, Musik machen und hören, zusammen kochen und einfach eine Möglichkeiten haben, sich regelmäßig zu treffen. Von dort sollen auch Sportaktivitäten ausgehen. Es gibt beispielsweise eine Familie, die Pferde hat, und die möchten ein Angebot für Mädchen machen. Der Treff ist immer dienstags um 18 Uhr geöffnet. Wir wollen das Angebot am 24. Januar mit einem großen Begegnungsfest bekannt machen. Das findet im „Alo“ statt, das ist ja bekannt.

 

2016 – was war Ihre persönliche Sternstunde in der Arbeit mit Flüchtlingsfamilien?

…dass ich einer Familie sagen durfte, dass sie eine große Wohnung beziehen dürfen, weil sowohl der Vermieter als auch das Jobcenter zugestimmt haben. Das war sicher eine Stunde, in der ich mich am meisten gefreut habe, dass über unsere Hilfe so konkret etwas funktioniert hat. Was ich persönlich schön fand, war, dass eine muslimische Familie einer Einladung zu einem christlichen Gottesdienst gefolgt war, neben mir saß und sich freute, dass sie teilnehmen konnte. Damit hätte ich nicht gerechnet.

 

Die Gegenfrage: Was war Ihre dunkelste Stunde?

Es gibt auch Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen … und Neid. Wenn anderen geholfen werden kann mit einer Praktikumsstelle oder einem Job, und wir nicht allen helfen können, kommt es vor, dass sie auch neidisch sind und etwas fordernd auftreten. Aber wir sind ja weder eine Job-Zentrale noch Immobilien-Makler. Da gibt es auch schwierige Erfahrungen. Wir sind auch einmal eingeschaltet worden als Vermittler, weil ein Vermieter keine Flüchtlinge haben wollte. Im Telefonat hat er mir klar gesagt: „Für Flüchtlinge können wir unseren Wohnraum nicht zur Verfügung stellen.“ Wenn so ein Telefonat stattfindet, ist man immer traurig.

 

Haben Sie einen Wunsch fürs nächste Jahr, Ihre Arbeit betreffend?

Wir müssen im Schulsystem klar bekommen, dass die Flüchtlinge vernünftige Abschlüsse machen können. Das läuft im Augenblick sehr schleppend. Wir haben weder Konzepte von der Schulaufsicht, noch genügend Lehrer, die Prüfungen abnehmen können. Wir müssen demnächst Feststellungsprüfungen machen, und da soll die Muttersprache auch eine Rolle spielen. Dafür braucht man Lehrkräfte, die diese Muttersprache beherrschen. Das ist ein Riesenproblem. Ich wünsche mir, dass wir alle auf die Suche gehen, wie wir den Jugendlichen am besten helfen können, damit sie auch einen Abschluss bekommen können und dann in Deutschland Fuß fassen können. Das ist ein dringlicher Wunsch. Und noch ein Wunsch ist, dass wir wieder aufnahmebereit werden.

Das Gespräch führte Dorothée Schenk

Quelle: KirchenZeitung für das Bistum Aachen, Ausgabe Kempen-Viersen, 18. Dezember 2016, S.8