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Viersener Schulen erinnern an die Opfer des Holocaust

Am 24. Januar hat der Gedenktag der Viersener Schulen für die Opfer der Nationalsozialisten im Clara-Schumann-Gymnasium stattgefunden.
200 Schülerinnen und Schüler haben anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiuung des Konzentationslagers Ausschwitz beisammen gefunden um den Opfern gemeinsam zu gedenken.
Die vier Schülerinnen Verena Giebelen, Christina Dudek, Carolin Volkmer und Katharina Müller der Q2 haben dazu die Phasen der Judenverfolgung in Dülken und Umgebung dargestellt.

Bericht der Rheinischen Post (25.1.2020) zur Veranstaltung: Schüler erinnern an Opfer des Holocaust

Vortrag unserer Schülerinnen:

Es ist ein Wunder, dass ich all meine Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube“

Heute wollen wir an die Menschen gedenken, die Leiden mussten und trotzdem nicht die Hoffnung aufgegeben haben. Die Zeit des Nationalsozialismus kann in vier Phasen der Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der deutschen und europäischen Juden eingeteilt werden. Dies wollen wir Euch näherbringen, indem wir Erfahrungen und Berichte von Menschen, die den Grausamkeiten des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind vorstellen.

1.Phase: Boykottaktionen und erste antisemitistische Gesetze

Die Judenboykottaktionen waren die ersten Schritte zur Ausschaltung der Juden. Damit wurde der Grundstein für die Deportationen zu den Vernichtungslagern gelegt. In ,,mein Kampf“ zeigt sich früh die Vorstellung vom „Nicht-Arischen“ Leben. Hitler sagt…

Juden waren und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klare Ziele, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardisierung die ihnen verhaßte weiße Rasse zu zerstören, von ihrer kulturellen und politischen Höhe zu stürzen und selber zu ihren Herren aufzusteigen.

[…]

Planmäßig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen, jungen, blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann […]. Der völkischen Weltanschauung muß es endlich gelingen, jenes edlere Zeitalter herbeizuführen, in dem die Menschen ihre Sorge nicht mehr in der Höherzüchtung von Hunden, Pferden und Katzen erblicken, sondern im Emporheben des Menschen selbst[…]“

2.Phase: Nürnberger Gesetze und systematische Ausgrenzung

Im Reichsbürgergesetz wurden Juden nur noch als Staatsangehörige des Deutschen Reiches ohne politische Rechte gesehen und im Blutschutzgesetz wurde die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden verboten.

Familie Lifges lebte in Süchteln und hatte ihr Geschäft auf der Hochstraße. Nathanael Lifges war ein angesehener Kaufmann, der dort gut integriert war. Nach seinem Tod wurde sein Textilgeschäft von Sohn Jakob Lifges weitergeführt, während seine Tochter Sarah dort als Ladengehilfin arbeitete. In der Zeit des Boykotts entstanden immer mehr Schlägereien und Schießereien. Menschen wurden verletzt und getötet. Jüdische Mitglieder wurden nach und nach nachts aus ihren Häusern getrieben und ihr Hab und Gut wurde auf die Straße geworfen. So geschah es auch bei Familie Lifges. Erst wurden ihre Fenster beschmutzt und Schaufenster eingeschlagen. Später standen vor ihrer Eingangstür SA-Posten und Kinder aus der Hitlerjugend, die die Kunden beleidigten und beschimpften. Die Nazis versuchten mit aller Gewalt die Juden zu vertreiben, so auch Familie Lifges, die sich einst so wohl fühlte in Süchteln. Die Familie überstand eine schlimme Zeit, bis auch sie aus ihrem Zuhause rausgeschmissen und verhaftet wurde. Der Leidensweg der Familie hörte dort jedoch nicht auf. Sie wurden in ein Vernichtungslager gebracht und dort getötet.

3.Phase: Enteignung und Reichsprogrom

In der Reichsprogromnacht, die vom 9. auf den 10. November stattfand, wurden 91 Juden ermordet, jüdische Synagogen verbrannt, als auch jüdische Geschäfte geplündert und zerstört

Der jüdisch stämmige Deutsche Victor Klemperer war Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden. Aufgrund einer „privilegierten Mischehe“ wurde er nicht in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager gebracht und überlebte den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen „Judenhäusern“.

Klemperer erzählte in seinen Tagebüchern:

Nach acht oder neun Uhr abends zu Hause sein. Kontrolle! Aus dem eigenen Haus vertrieben. Radioverbot, Theater-, Kino-, Konzert- und Museumsverbot. Verbot zu fahren, sofern man nicht 7 km von der Arbeit entfernt wohnt oder krank ist. Verbot, „Mangelware“ zu kaufen. Verbot von Rauchstoffen. Verbot, Blumen zu kaufen. Verbot von Pelzen und Wolldecken, von Fahrrädern – zur Arbeit darf geradelt werden. Verbot von Liegestühlen und Haustieren. Verbot den Bahnhof zu betreten, die Bürgerwiese und die Randstraßen des Großen Gartens zu benutzen. Verbot, Vorräte an Esswaren im Hause zu haben. Durch den Stern sind uns alle Restaurants verschlossen. Ich glaube, diese Punkte sind alles. Sie sind aber alle zusammen gar nichts gegen die ständige Gefahr der Haussuchung, der Misshandlung, des Gefängnisses, Konzentrationslagers und gewaltsamen Todes.

4.Phase: Deportation, Ghettoisierung und Völkermord

Nicht nur in Vernichtungslagern fand ein millionenfaches Morden statt, auch in unserer unmittelbaren Nähe. Ein Bericht:

Nicht weit von hier, in Waldniel Hostert, wurde das ehemalige Schutzengelhaus der Franziskaner (für uns bekannt als die Kent School) während der Zeit des Nationalsozialismus zu der Zweiganstalt der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannistal, einer Tötungsanstalt mit zweihundert Betten umgebaut. Elschen erkrankte als Kleinkind an einer schlimmen Infektion. Danach war sie geistig behindert. Mit acht Jahren kam sie wohnortnah in einem kirchlichen Haus unter und besuchte da die Sonderschule. Von dort wurde das Mädchen in die 80km entfernte Kinderfachabteilung der Anstalt nach Waldniel-Hostert verlegt. Hier wurde sie am 9. Januar 1943, kurz vor ihrem 12. Geburtstag getötet. Die zur Tötung bestimmten Kinder und Jugendlichen bekamen zunächst jeweils drei bis fünf Luminaltabletten. Sie schliefen dadurch ein, bekamen unmittelbar nach dem Erwachen jedoch wieder die gleiche Dosis Luminal. Schließlich wurden sie bewusstlos, bekamen Atemnot, begannen zu röcheln und verstarben unter Schleimaustritt aus Mund und Nase, nach drei bis acht Tagen.

Als Todesursache bescheinigte der Arzt Hermann Wesse bei Elschen: erworbenes Hirnleiden, doppelseitige Pneumonie. Der Vater erhielt die Nachricht, seine Tochter sei plötzlich an einer Lungenentzündung gestorben. Empört und fassungslos versuchte er die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es war vergeblich. Insgesamt wurden in der Kent School in Waldniel-Hostert 97 Kinder getötet.“

Um auf das Anfangszitat zurück zu kommen, müssen wir uns ein Beispiel an Anne Frank nehmen. Denn sie, wie auch andere Zeitzeugenberichte zeigen, dass trotz allem was geschehen ist, die Opfer die Hoffnung behalten haben und jeder daran denken sollte, dass Gleichwertigkeit besteht und man niemanden verurteilen sollte.

Wir wollen heute an diese schlimmen Ereignisse gedenken. Es ist wichtig, sich diese Taten und Massenmorde immer wieder in das Gedächtnis zu rufen. Diese schrecklichen Erinnerungen müssen uns ein Mahnmal sein, dass so etwas niemals wieder passieren darf. Vor allem wollen wir die Stärke dieser Menschen betonen, die so viel Leid ertragen haben, denn was wäre wenn uns heutzutage derartiges Geschehen würde?

Würden wir genauso stark sein?

Die Hoffnung behalten können und trotzdem an das Gute im Menschen glauben können?

Wir sollten versuchen uns an Anne Frank ein Vorbild zu nehmen.