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Wenn Probleme nicht größer, aber schneller werden

Was Jugendlichen auf der Seele brennt

„Als ich in dem Alter war, war ich sorgenfrei“, sagt der 45-jährige Thomas Kamphausen als Schulleiter des Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) in Viersen energisch und runzelt die Stirn. „Probleme gab es auch bei uns, aber sie hatten ein ganz anderes Kaliber. Heute ist das anders. Die sozialen Medien als Kommunikationsmittel sind ein unangenehmer Verstärker.“ 

Von Ann-Kathrin Roschenk

Es gibt keinen Sozialraum, in dem das deutlicher wird: Niemand befindet sich so sehr im Dunstkreis unserer Kinder und Jugendlichen wie ihre Klassenkameraden, ihre Lehrer und ihre Vertrauenspersonen im Raum „Schule“. Als Tagesheimschule in Viersen hat das Bischöfliche Gymnasium bereits vor mehr als zehn Jahren einen Schulsozialarbeiter eingestellt. Was damals als Vorreiterprojekt an einem Gymnasium galt, ist heute fast alltäglich geworden. „Gott sei Dank“, sagt der Schulleiter. „Denn unsere Kinder haben keine anderen, sondern stärkere Sorgen und das in Hochgeschwindigkeit. Dafür müssen wir Ansprechpartner sein.“

Sozialarbeiter Daniel Jansen beobachtet die Entwicklung an Schulen schon seit langer Zeit: Bereits seit elf Jahren ist Jansen am AMG beschäftigt. Mit dem veränderten Kommunikationstempo verändert sich auch der Anspruch an Schule, ist sich der 43-Jährige sicher: „Facebook, Whats app und Co. sorgen dafür, dass sich Neuigkeiten deutlich schneller verbreiten. Waren Schüler früher vielleicht mit einem Input beschäftigt, prasseln heute etliche Informationen ungefiltert auf sie ein.“ Nicht immer sei der Heranwachsende fähig, diesen Informationsfluss zu verarbeiten. Grenzten sich früher Jugendliche bewusst ab, um als Außenseiter eine bestimmte Rolle einzunehmen, herrscht heute der Drang, bedingungslos dazuzugehören. Probleme in der Identitätsbildung seien die Folge. „Wie schätze ich mich ein? Wo gehöre ich hin? Das sind Fragen, die die Jugendlichen beschäftigen“, erklärt der Fachmann. „Die oft perfekten Bilder von Prominenten, die sie in den sozialen Medien verfolgen, beeinflussen dieses Rollenbild stark. Das belastet.“

Als Sozialarbeiter versucht Jansen, spielerisch und doch konzeptionell die Schüler in dem Prozess zu begleiten. In Einzelberatungen oder auch in offenen Angeboten versucht er, mit ihnen die eigenen Stärken herauszuarbeiten, dass sie sich selbst kleine Ziele setzen, und ihnen zu vermitteln, mutig zu sein. Vor allem niederschwellige Begegnungen helfen, eine Vertrauensbasis zu schaffen: Jansen begleitet die Jungen und Mädchen beim Billardspielen oder Kickern in der Mittagspause und ist so unkompliziert ansprechbar. „So schaffe ich es, bei den Jugendlichen den Tunnel zu öffnen“, beschreibt er. „Es gibt nicht nur geradeaus, es gibt eben auch links und rechts. Alternativwege sind wichtig.“

Von Alternativwegen kann auch SV-Lehrerin Carina Quirmbach ein Lied singen. Als Lehrerin für Biologie, Philosophie, Latein und Griechisch sowie als gewählte Vertrauensperson der Schülervertretung kommt sie in ganz unterschiedlichen Themenfeldern mit ihren Schützlingen in Kontakt.  Vor allem der Drang nach Selbstverwirklichung und Mitbestimmung begeistert die Düsseldorferin. Erst kürzlich haben die Jugendlichen am AMG ein Konzept für eine neue Schulhofgestaltung eingereicht, auch eine Handysammlung zu Umweltzwecken wurde durch die Schülervertretung ins Leben gerufen. „Sich einzusetzen und für Themen einzustehen ist wichtiger geworden. Die Jugendlichen haben eine Meinung, die sie zeigen möchten. Sie möchten partizipieren“, beschreibt Quirmbach. Dafür sei die Frustrationsgrenze kleiner, wenn der Einsatz keine Früchte trage: Aufzugeben sei oft einfacher als durchzuhalten. Das sei vielleicht durch die Schnelllebigkeit der Gesellschaft begründet, versucht die Lehrerin, eine Erklärung zu finden.

 

Auch im Wohlstand gibt es Verwahrlosung 

Durchhaltevermögen beweisen die Schüler stattdessen in anderen, unschönen Bereichen: Seien Drogen vor einigen Jahren eher vereinzelt an der Schule aufgetreten, ist das Rauchen von Marihuana heute eher gesellschaftlich akzeptiert und damit in den Schulen wieder ein größeres Thema. Gefährlich, denn gerade in jungen Jahren kann der regelmäßige Genuss die Entwicklung des Hirns beeinträchtigen, weiß Quirmbach als Biologielehrerin: „Wir haben Prävention jetzt ab Klasse sieben eingeführt und arbeiten hier mit der Polizei zusammen. Es sind in einer Klasse immer Ahnungslose, die noch gar nicht mit Drogen in Berührung gekommen sind, aber uns fällt auch auf, dass die meisten sehr gut informiert sind.“

Auch Aufputschmittel zur Leistungssteigerung seien immer wieder vereinzelt ein Thema. „Das war früher definitiv nicht so“, bestätigt auch der Schulsozialarbeiter. Dann gebe es aber auch noch die Probleme, die früher wie heute allgegenwärtig seien. Eine Scheidung der Eltern, ständige Streitereien in der Familie oder fehlendes Interesse an der Entwicklung der eigenen Kinder – Familienschmerz sitzt tief, er bringt die Struktur, die für die Heranwachsenden in ihrer Entwicklung ein so wichtiger Haltepunkt ist, ins Wanken. „Ja, auch wir haben mit Wohlstandsverwahrlosung zu kämpfen“, gibt Schulleiter Kamphausen zu. „Egal, zu welcher gesellschaftlichen Klientel wir gehören, der Schmerz ist immer gleich groß.“ Und er kann drastische Auswirkungen haben: Plötzlicher Leistungsabfall tritt genauso auf wie fast krankhafter Ehrgeiz, Selbstverletzung, aber auch Suchtprobleme können die Folge sein. „Das ist heute wie früher so. Das einzig Gute daran ist, dass wir das Gefühl haben, dass Schüler darüber heute offener sprechen“, erklärt der Schulleiter weiter. „Probleme werden schneller für uns sichtbar und damit auch greifbarer. Damals wie heute tun sie gleich weh und beeinflussen unsere Schützlinge in ihrer Entwicklung. Es ist unsere Verpflichtung, für unsere Schüler in wackeligen Zeiten als Ankerpunkt da zu sein.“

Quelle: Kirchenzeitung im Bistum Aachen (Ausgabe 49/2019)