Viersen · In der Aula des Albertus-Magnus-Gymnasiums las am Mittwoch der junge Autor Jakob Springfeld aus seinem Buch „Unter Nazis“. Darin berichtet er über sein Aufwachsen im sächsischen Zwickau.
Von Heribert Brinkmann
Eine spannende Doppelstunde aktuelle Politik erlebte die Jahrgangsstufe 9 des Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasiums am Mittwoch in Dülken. Aus Halle war der 23-jährige Student, Autor und Aktivist Jakob Springfeld nach Viersen gekommen, um aus seinem Buch „Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts“ zu lesen. Die Initiative zu dieser Lesung war von Günter Doetsch vom Dülkener Büchereck und der Familienbibliothek Dülken ausgegangen.
Schulleiterin Ursula Deggerich hatte die Anregung gerne aufgegriffen und Springfeld zur Lesung in der Aula eingeladen. Den „sehr jungen Autor“ nannte sie persönlich mutig und unbequem. Sie ermutigte alle dazu, Zivilcourage zu beweisen und sich einzumischen, wenn es um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehe. Zum Leitbild der christlichen Schule gehören auch die Förderung der Demokratie und gegenseitiger Respekt und Wertschätzung.
Gebannt und diszipliniert lauschten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen des Autors, gerade mal knapp zehn Jahre älter als sie. Springfeld ist in Zwickau aufgewachsen, einer Stadt mit 90.000 Einwohnern in Sachsen, bekannt als Autostadt (Horch, Audi und Trabant). Während seiner Grundschulzeit sei er in einer „kleinen behaglichen Blase“ aufgewachsen. Er habe Trompete im Orchester und mit Freunden Fußball gespielt. In seiner Klasse habe es nur drei Kinder mit Migrationshintergrund gegeben, darunter die Vietnamesin Linh. In sie habe er sich verliebt, aber seine Zettel blieben unbeantwortet. Als krass schildert er in seinem Buch, dass ihre Familie in einem Haus an der Heisenbergstraße 21 jahrelang neben der NSU-Terrorzelle lebte – ohne es gewusst zu haben.
Springfelds Eltern haben ab 2015 ehrenamtlich Flüchtlingen geholfen. Durch seinen Freund Mostafa aus Afghanistan, der auf der Flucht übers Mittelmeer seine kleine Schwester verloren und in seiner Heimat, auf der Flucht und in Zwickau sehr viel Gewalt erfahren hatte, wurde Jakob für das Thema sensibilisiert. Die Neonazis seien auch nicht mehr zu übersehen gewesen. Im Mai 2016 schleuderten Unbekannte Molotowcocktails gegen ein Asylbewerberheim, die Täter wurden nie erwischt. Es gab Sprengsätze gegen einen türkischen Imbiss und einen muslimischen Gebetsraum. Am Auto eines Politikers wurden die Radmuttern gelockert.
Jakob Springfeld geriet selbst ins Visier der Neonazis, als er sich als Schüler für „Fridays for Future“ engagierte. So wurde er schnell zur Zielscheibe. Sein Name und Foto wurden durch die Sozialen Medien verbreitet. Er habe oft auf dem Nachhauseweg Angst gehabt. „Es wäre unehrlich, diese Angst zu leugnen“, sagte Springfeld. Das zuzugeben, sehe er aber als Stärke und nicht als Schwäche. Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf demonstrierte er mit anderen auf dem Zwickauer Hauptmarkt gegen die Wahlkämpfer der AfD. Danach hätten ihn Neonazis zur Rede gestellt und ins Gesicht gespuckt, als die Polizei kam. „2026 kann man nicht mehr neutral sein“, appellierte er an sein junges Publikum in der Aula. Sein Fazit: Alle müssten Aktivisten und Betroffene ernst nehmen. Oft interessiere sich die Öffentlichkeit nur dann, wenn etwas passiert sei oder rund um Wahlen.
Für sein Studium der Politikwissenschaften ist Jakob Springfeld nach Halle in Sachsen-Anhalt umgezogen. Familie und Freunde verbinden ihn weiter mit Zwickau, die Stadt ist für ihn „Hölle und Heimat“ zugleich, er empfinde sowohl Liebe als auch Hass, wenn er an Zwickau denke.
Sein Buch, das 2022 erschien, schrieb er zusammen mit dem Berliner Journalisten Issio Ehrich. Auch wenn Jakob schon in seiner Schulzeit Tagebuch geführt habe, half ihm Ehrich bei der Recherche und den roten Faden fürs Buch zu finden. Das Buch sei ja ein Mix aus eigenen Erlebnissen und allgemeiner Aufklärung.
Nach der Lesung kam es in der Aula zu einer angeregten Fragerunde, auch danach noch bildeten die Schülerinnen und Schüler eine lange Schlange, um den Autor weiter befragen zu können. Eine Frage war, ob alles im Buch in echt passiert sei – was der Autor bestätigte. Nur zu eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Neonazismus vor Ort blieben die jungen Zuhörer stumm.
Quelle: Rheinische Post (12.2.2026)
(c) Foto: Heribert Brinkmann

Die Bücher von Jakob Springfeld
Jakob Springfeld ist Mitglied im PEN-Club Berlin.
Im Jahr 2022 erschien das Buch „Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts“ im Beltz-Verlag, ab 14 Jahre, 978-3-407-81371-8, Taschenbuch 9 Euro.
Und im Januar 2025 erschien bei Quadriga sein neues Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert. Warum das Erstarken der Rechten eine Bedrohung für uns alle ist.“ 978-3-86995-152-2, Paperback, 18 Euro.
