Eva Neußen kümmert sich am AMG in Dülken um individuelle Förderung. Im Gespräch hat sie erklärt, welche Möglichkeiten es gibt, und dass nicht ausschließlich hochbegabte Kinder gefördert werden sollten.
Viersen Wer im Unterricht schnell fertig ist, bekommt einfach noch mehr Aufgaben auf dem gleichen Niveau – was früher oft gängige Praxis war, ist heute überholt. Denn für hochbegabte Schülerinnen und Schüler ist das nicht gleich Förderung. „Wenn sie den Lernstoff bereits beherrschen, bringt es wenig, ihnen einfach 15 weitere Aufgaben auf demselben Niveau zu geben“, sagt Eva Neußen. Entscheidend sei viel mehr der nächste Lernschritt.
Neußen ist Lehrerin für Mathematik und Geschichte am Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) in Dülken und kümmert sich zusätzlich um individuelle Förderung. Die 46-Jährige bildet sich derzeit im Bereich Hochbegabung weiter und ist auf dem Weg, das sogenannte ECHA-Diplom am ICBF in Münster zu erwerben. Als Ansprechpartnerin arbeitet sie mit Schülern, Eltern und Kollegen zusammen, um individuelle Lösungen für die Belange hochbegabter Schüler zu finden. Gerade durch ihre Fortbildung, merke sie, wie viele Möglichkeiten es gibt.
Hochbegabung lässt sich für sie nicht mit einem einzigen Wert erklären. Zwar gilt ein Intelligenzquotient von 130 häufig als Orientierung bei der Diagnose kognitiver Hochbegabung. Im Schulalltag sei das Thema komplexer. Nicht jede Begabung zeige sich sofort, und hochbegabte Menschen passten nicht in ein einfaches Muster. Außerdem werde Hochbegabung meist ausschließlich mit intellektuellen Fähigkeiten verbunden. Dabei gebe es beispielsweise auch praktische, kreative oder musikalische Begabungen. Sicher sei aber, dass es nicht ausschließlich um Förderung per se gehe, sondern auch um Orientierung und moralische Begleitung.
Kindern die Möglichkeit geben ihre Stärken zu entdecken
„Jeder Mensch hat Potenziale“, lautet Neußens grundsätzlicher Ansatz. Deshalb richte sich Begabungsförderung erst einmal an alle: Schülerinnen und Schüler sollen ihre Stärken entdecken und in einem Lernumfeld ausprobieren können. Begabtenförderung setze dort an, wo besondere Fähigkeiten gezielt weiterentwickelt werden sollen. Das sei nicht selbstverständlich. Manche Kinder glaubten etwa: „Ich kann kein Mathe, also bin ich dumm.“ Solche festen Selbstbilder – ein sogenanntes Fixed Mindset – könnten sich blockierend auswirken. Dem entgegen steht das Growth Mindset, das davon ausgeht, dass Fähigkeiten sich entwickeln können und Lernen lebenslang möglich ist.
Am AMG gibt es dafür unter anderem eine musische Stunde und im fünften und sechsten Schuljahr eine Lernzeit-Plus. Dort üben die Kinder, selbstständig zu lernen und Lernstrategien zu entwickeln. Im sechsten Schuljahr folgen Angebote, die diese Haltung weiter stärken. Beim forschenden Lernen formulieren die Schüler eigene Fragen, recherchieren und arbeiten an Themen, die sie interessieren. Nebenbei werden dabei auch noch Lesekompetenz und Rechtschreibung gefördert.
Unterschiedliche Ansätze bei Hochbegabung
Auch der Unterricht für besonders leistungsfähige Schüler kann angepasst werden. Beim sogenannten Compacting wird Lernstoff gestrafft. Die gewonnene Zeit kann dann für Vertiefungen oder ein neues Themenfeld genutzt werden. „Diese Methode ist natürlich mit viel Aufwand für den Lehrer verbunden“, sagt Neußen. Eine weitere Möglichkeit ist Enrichment, also zusätzliche Lernangebote. „Wir bauen gerade beispielsweise eine Schülerzeitung auf“, sagt Neußen. „Dadurch können sich die Schüler intensiv mit unterschiedlichen Themen befassen und am Ende liegt das Ergebnis nicht einfach in der Schreibtischschublade, sondern ist greifbar.“ Noch eine Möglichkeit besteht in der Akzeleration, also dem Überspringen einer Jahrgangsstufe. „Das ist aber keine rein intellektuelle Entscheidung.“ Auch die emotionale Reife müsse berücksichtigt werden.
Eltern wenden sich häufig an Neußen, wenn sie Veränderungen bei ihren Kindern beobachten. „Unterforderung oder Hochbegabung kann sich sehr unterschiedlich äußern.“ Teilweise gebe es starke Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Das könne man aber nicht verallgemeinern. Ein gemeinsames Problem könne sein, dass Kinder in der Grundschule lange ohne große Anstrengung erfolgreich waren und deshalb nie lernen mussten, wie man lernt. Wenn später schwierigere Anforderungen kämen, fehlten ihnen Lernstrategien. Das ist eine mögliche Erklärung für hochbegabte Kinder mit Lernschwierigkeiten – die sogenannten Underachiever.
Schüler auf die Welt und die Zukunft vorbereiten
Dafür müsse auch das Kollegium sensibilisiert werden. Vieles sei am Albertus-Magnus-Gymnasium aktuell im Aufbau. Dazu gehört auch das projektorientierte Lernen nach dem Deeper-Learning-Ansatz der Universität Heidelberg: Dabei geht es nicht allein um die Vermittlung von Wissen, sondern darum Wissen zunehmend selbstständig anzuwenden, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Nach einer gemeinsamen Instruktionsphase arbeiten die Schülerinnen und Schüler in der Ko-Konstruktionsphase an komplexen Fragestellungen, entwickeln eigene Lösungswege und lernen gemeinsam und voneinander. Die Lehrkräfte begleiten diesen Prozess zunehmend als Lernbegleiter. In der abschließenden Präsentationsphase werden die Ergebnisse sichtbar gemacht, reflektiert und zur Diskussion gestellt.
Das passe zu einer Welt, die sich rasant verändere, sagt Neußen. Niemand wisse, wie die Arbeits- und Lebenswelt von morgen aussehe. Fachwissen allein werde deshalb nicht ausreichen. Gefragt seien Kompetenzen wie Kreativität, Kommunikation, Kooperation, Kollaboration und kritisches Denken. Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur auf Veränderungen reagieren, sondern ihre Zukunft aktiv mitgestalten können. Und eine große Veränderung stehe in den kommenden Jahren bereits fest: ein fünftes Abiturfach in Form einer Präsentationsprüfung ab 2030. „Auch dafür können die genannten Ansätze sinnvoll sein – auch wenn wir noch nicht im Detail wissen, wie dieses Prüfungsfach aussehen wird“, sagt Neußen.
Quelle: Rheinische Post (Printausgabe) vom 24.9.2026; Foto: KI-generiert
